Daryoush Djavadi, KIT
Person mit "AStA KIT"-Pullover bei einer Veranstaltung im Freien vor dem Audimax.

„Die grundlegende Bereitschaft, die Welt zu verändern“

Ein Blick in die Geschichte des KIT und seiner Vorgängerinstitutionen zeigt: Studierende haben die Entwicklung der Universität vorangetrieben. Und ein Gespräch mit dem aktuellen AStA-Vorsitzenden macht deutlich, dass sie es auch heute noch tun.

Ehre wem Ehre gebührt: Dass das KIT mit seiner 200-jährigen Geschichte heute eine der ältesten technischen Universität Deutschlands ist, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Studierenden. Denn als im Jahr 1848 die badische Revolution begann, ging es auch am Polytechnikum zur Sache. Im März überreichten die Studenten – damals ausschließlich Männer – dem Parlament eine Petition mit Forderungen und einem großen Ziel: Das Polytechnikum, strukturell damals eher ein höheres Gymnasium, sollte einer Universität gleich werden.

Ein Streik für eine Uni

Weil die Regierung die Petition aber ignorierte, trat die Hälfte der Studenten in den Streik, boykottierte Gaststätten und Läden in Karlsruhe, einige mussten teilweise gegen den Rausschmiss aus dem Polytechnikum kämpfen – doch am Ende bekamen sie Recht. Es wurde eine Kommission eingesetzt, Anhörungen durchgeführt, Verbesserungsvorschläge erarbeitet: Allen voran die Einführung einer Rektorats- und Senatsverfassung, das Recht der Habilitation, die Abtrennung der Vorschule, das Einrichten von Assistentenstellen oder den Übergang zur Semestereinteilung. Das Polytechnikum war im Kern eine Uni geworden.

Tobias Deeg, der aktuelle Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) am KIT, wundert sich darüber nicht: „Studierende und Universitäten waren und sind bis heute Brutkammern von gesellschaftlichen Veränderungen. Sie hatten immer die grundlegende Bereitschaft, die Welt zu verändern.“

Konstruktive Haltung statt Krawall

Dies sei auch in Karlsruhe der Fall, auch wenn hier die technikaffine Studierendenschaft nie so laut gewesen sei wie in anderen, geisteswissenschaftlichen Universitäten, erzählt Tobias. So blieb es selbst in den hitzigen Zeiten um 1968 an der Universität ruhig. Die Karlsruher „Studentenunruhen“ gipfelten 1969 in einem Protestmarsch und der Besetzung des Rechenzentrums durch unzufriedene Informatikstudierende. Sie protestierten  gegen zu geringe Rechnerkapazitäten und die damit verbundenen Wartezeiten bei der Programmierausbildung.

Der AStA-Vorsitzende schmunzelt: „Auch wenn wir alle Eskalationsstufen kennen, vom netten Gespräch im Präsidium bis hin zum Weg in die Öffentlichkeit, sind wir hier sehr gemäßigt.“ Mit einem Vorteil: Die linken und konservativen Flügel der Studierendenschaft arbeiten in den elf Fachschaften konstruktiv zusammen, sowohl untereinander als auch mit der Hochschulleitung – egal ob zu Chancengleichheit, Gendergerechtigkeit oder Nachhaltigkeit. Streit gäbe es natürlich, aber „es gibt die gegenseitige Erkenntnis, dass jede Seite das Beste will“, so Tobias.

Das bestätigt auch Professor Alexander Wanner, Vizepräsident Lehre und akademische Angelegenheiten: „Am KIT sind wir stolz auf die lange Tradition einer engagierten Studierendenschaft, die sich kontinuierlich mit kritisch-konstruktiven Beiträgen für eine bessere Universität einsetzt. Auch die Studierenden haben dazu beigetragen, das KIT zu dem zu machen, was es heute ist: Einem der besten Orte für Forschung, Lehre und Transfer in ganz Europa.“

Rechtsextreme Umtriebe und die eigene Vergangenheit im Blick

Derzeit achtet der AStA besonders auf rechtsextreme Hochschulgruppen. „Das KIT bleibt aber stabil“, meint Tobias. „Es gibt immer wieder mal Versuche extrem rechter Gruppen, am Campus und in der Studierendenschaft Fuß zu fassen. Bisher sind diese aber immer schief gegangen. Wir müssen da aber gerade in der aktuellen politischen Situation aufpassen, denn natürlich gibt es diese Bestrebungen derzeit verstärkt.“

Dass Wachsamkeit geboten ist, weiß der AStA-Vorsitzende aus der Geschichte: Schon 1931 zeigten überproportional viele Studierende der Technischen Hochschule eine rechtsradikale Gesinnung. Bei der Studentenwahl 1933 erhielt der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund 75 Prozent der Stimmen. Auch Professoren und akademischer Mittelbau passten sich damals schnell und bereitwillig den neuen Machtverhältnissen an.

200 Jahre studentischer Einfluss in Karlsruhe

Doch neben der Hochschulpolitik ist der AStA vor allem für den Alltag der rund 23 000 Studierenden zuständig – für die Korrektur eines unklaren Satzes in einer Prüfungssatzung, für Partys und Kinoabende, aber auch für soziale Belange. Tobias ist das ein Herzensanliegen: „Gerade im diesem Bereich bemühen wir uns, solidarisch zu sein und den Studierenden eine Vielzahl von Beratungs- und Unterstützungsangeboten anzubieten, um auch in schwierigen sozialen Situationen zu unterstützen.“

Auch Institutionen wie der AKK – Arbeitskreis Kultur und Kommunikation samt Kulturcafé und das Kulturzentrum Z10 sind aus dem Karlsruher Leben nicht mehr wegzudenken. Für Tobias ein Symbol: „Nicht nur das KIT feiert 200 Jahre. Karlsruhe ohne 200 Jahre Studierendenleben sähe ganz anders aus. Wir feiern also auch 200 Jahre Einfluss der Studierenden auf die Gesellschaft und die Stadt.“

Isabelle Hartmann, 3.4.2025

Protestierende Studierende mit Schildern und Polizeiwagen auf der Straße. KIT-Archiv, I / 08131
Der Protestmarsch und die Besetzung des Rechenzentrums an der Universität war der Höhepunkt der Karlsruher „Studentenunruhen“ im Jahr 1969.